Lernen und Arbeiten im 21. Jahrhundert

Fachkongress des ddn-Netzwerks Hamburg zur Digitalisierung der Arbeitswelt

 

25.11.2016

Strategien im Umgang mit psychischen Erkrankungen

Wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter/-innen unterstützen?

 
Die Anzahl der Fälle von Arbeitsunfähigkeit wegen psychischer Störungen steigt nach den Berichten der Krankenkassen seit den 80er-Jahren kontinuierlich an. Und sie sind die Hauptursache für Frühverrentungen. Sechs von zehn Erwachsenen hierzulande stehen unter Strom, fast jeder Vierte gibt sogar an, häufig gestresst zu sein. Das geht aus der TK-Stressstudie 2016 "Entspann dich, Deutschland" hervor. Rainer Hofmann erläutert, dass die diesjährige Befragung der TK den Job mit einem Anteil von 46 Prozent als den wichtigsten Stressfaktor identifiziert hat. Es folgen hohe Eigenansprüche (43 Prozent), Termindichte in der Freizeit (33 Prozent), Straßenverkehr (30 Prozent) sowie die ständige digitale Erreichbarkeit (28 Prozent).


Dr. Hans-Peter Unger ist Experte für den
Zusammenhang von Arbeit und Stress

Eine wesentliche Ursache für den gestiegenen Stresspegel sieht Dr. Hans-Peter Unger, Chefarzt des Zentrums für seelische Gesundheit, Asklepios Klinikum Harburg, in den Veränderungen der Arbeitswelt, die durch Digitalisierung, neue Arbeitsformen (Arbeiten 4.0) und zunehmende Selbstverantwortung geprägt ist. Heute stehen laut Dr. Unger die psychisch-mentalen weit vor den körperlichen Beanspruchungen. Rund 40 Prozent der Bundesbürger/-innen erkranken einmal im Leben an einer behandlungsbedürftigen psychischen Störung. Ob Stress in Krankheit mündet, entscheidet die seelische Widerstandsfähigkeit oder Resilienz. Sie ist individuell unterschiedlich ausgeprägt und durch genetische, soziale und konstruktive Faktoren bestimmt. Auch ist Stress nicht grundsätzlich negativ, bis zu einem bestimmten Ausmaß fördert er sogar das Leistungsvermögen. Kippt die Kurve (umgedrehtes U) jedoch nach unten, wird die Belastung schädlich. "Listen to your body" lautet die Empfehlung von Dr. Unger, um rechtzeitig aus der Erschöpfungsspirale (Burnout) herauszufinden.

Dr. Hans-Peter Unger erläutert die
Ursachen von Stress

Doch auch der Arbeitgeber kann durch Prävention Krankheit vermeiden. Eine entscheidende Rolle für die seelische Gesundheit am Arbeitsplatz spielt die Führungskultur. Vermittelt sie den Mitarbeitern/-innen positive Emotionen durch Wertschätzung, Lohn/Gehalt, Arbeitsplatzsicherheit und Möglichkeiten zur Weiterentwicklung, so fördert sie die individuelle emotionale Balance.

Was für den Einzelnen gilt, ist auch auf Organisationen übertragbar: "Listen to your people" lautet die Botschaft, die Dr. Unger Unternehmen empfiehlt. Transparente, ehrliche Kommunikation und Beteiligung der Mitarbeiter/-innen helfen, Stress zu vermeiden. Kommt es dennoch zu einer Erkrankung, haben laut Dr. Unger frühe Interventionen und die Zielsetzung "Stay at work" erste Priorität. Begleitende Unterstützung durch interne oder externe Beratung und eine Kooperation des betrieblichen Gesundheitsmanagements mit dem Versorgungssystem helfen bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz. Gegenseitiges Vertrauen bildet letztendlich die Grundlage für einen gelungenen Abstimmungsprozess.

Unternehmen haben viele Fragen zum Umgang
mit Stresserkrankungen

Externe Unterstützung finden Unternehmen in Hamburg bei der Anlaufstelle "Perspektive Arbeit und Beschäftigung" (PAG). Änne Hildebrandt stellte das Angebot vor, das als "neutrale" Stelle eine Versorgungslücke in der Prävention schließen möchte. Seit Beginn des Jahres berät die PAG Beschäftige wie auch Betriebe kostenfrei rund um das Thema Arbeit und (psychische) Gesundheit.

Auch das Demographie Netzwerk bietet Unternehmen Informationen und Austausch zum betrieblichen Gesundheitsmanagement. In fünf moderierten Arbeitskreisen tauschen Unternehmen in kleiner Runde praktische Erfahrungen aus. Im Arbeitskreis "Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen" informieren sich Unternehmen über die gesetzlichen Anforderungen und über bewährte Methoden und Instrumente zur Erfassung psychischer Belastungen. Weitere Arbeitskreise arbeiten zu den Themen "Arbeitsbedingungen demographiegerecht gestalten", "BGM nachhaltig im Betrieb verankern", "Gesunde Führung" und "Betriebliches Eingliederungsmanagement". Die Teilnahme ist kostenfrei und die Moderatoren/-innen der Arbeitskreise freuen sich über neue betriebliche Interessenten/-innen.

 

 

Annemarie Glowienka leitet den überregionalen
AK Gesundheit im ddn e. V.

Auf überregionaler Ebene bietet der "Facharbeitskreis Gesundheit" des ddn e. V. ein Forum für alle Unternehmen, die bundesweit aktiv sind. Annemarie Glowienka leitet den Arbeitskreis Gesundheit und stellte ihn den Hamburger Unternehmen auf der Veranstaltung vor. Interessenten/-innen können sich gern per E-Mail an Annemarie Glowienka wenden: info@hochform-zentrum.de.

 

 

 

 

Spannend war der Erfahrungsaustausch in drei moderierten Gesprächskreisen im Anschluss an die Impulsvorträge. Die Teilnehmer/-innen nahmen fünf wesentliche Botschaften aus dem Vortrag von Dr. Unger mit:


1. Emotionale Prozesse haben eine großen Einfluss auf die Gesundheit
2. Es besteht eine Korrelation zwischen psychischer und physischer Gesundheit
3. Unternehmen haben einen großen Einfluss auf die die seelische Gesundheit ihrer Mitarbeiter/-innen
4. Emotionen wirken als Mediatoren zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer/-in
5. "Listen to your body – listen to your people"


Als typische Stolpersteine nannten die anwesenden Unternehmen:


1. Softskills spielen bei der Auswahl der Führungskräfte kaum eine Rolle, es zählen allein fachliche Qualifikationen
2. Change-Prozesse werden nicht offen und transparent kommuniziert
3. Mangelnde Einsicht der Leitung, da viele Mitarbeiter/-innen dem Druck standhalten
4. Zahlenorientierung der Unternehmensleitung
5. Führungskräfte dürfen eigene Probleme nicht eingestehen (Sandwich-Position)
6. "Emotionale Ziele" werden nicht in den Zielzahlen verankert
7. Arbeitsverdichtung schafft Überforderung
8. Alterung der Belegschaften und mehr Langzeiterkrankungen, z. B. Krankenhauspersonal
9. Entgrenzung von Arbeitszeit
10. Werte werden Top-down geprägt
11. Keine Fehlerkultur
12. Fehlendes Vertrauensverhältnis

Positiv nahmen die Unternehmen folgende Entwicklungen wahr:


1. Der Fachkräftemangel erfordert neue Konzepte bei der Mitarbeitergewinnung und -bindung
2. Die Mitarbeiterorientierung nimmt zu (seit ca. 5 Jahren spürbar)
3. Emotionale Faktoren werden Bottom-up eingefordert, insbesondere von der jüngeren Generation
4. Unternehmen bieten Führungskräfteschulungen an
5. Die Gefährdungsbeurteilung psychischer Belastungen kann als Einstieg dienen
6. Ansprechpartner/Kümmerer werden eingesetzt
7. Partizipation der Mitarbeiter/-innen wird gefördert
8. Alle betrieblichen Akteure arbeiten bei der Eingliederung zusammen (Integrationsteam)

 

Unternehmen sehen erste Erfolge im Umgang mit psychischen Belastungen bei der Arbeit

 

Arbeitsergebnisse der drei Gesprächskreise:
Gruppe 1: Moderatorin Frau Glowienka, hochForm Gesundheits- und Demografiemanagement
Gruppe 2: Moderator Herr Grap, Berufsgenossenschaft
Gruppe 3: Moderatorinnen Frau Curtaz und Frau Faedtke, Fortbildungsakademie der Wirtschaft (FAW) gemeinnützige Gesellschaft mbH Holz und Metall - Bezirksverwaltung Hamburg/Bremen

 

Über den Keynote Speaker:
Dr. Hans-Peter Unger ist Psychiater und Psychotherapeut, Chefarzt der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie in der Asklepios-Klinik Hamburg-Harburg, Initiator des ambulanten Zentrums für Stress-Medizin an der Asklepios-Klinik Harburg sowie am AK St. Georg in Hamburg. Dr. Unger hat mit Asklepios Connecting Health ein Modell entwickelt, wie belastete Mitarbeiter/-innen in seelischen Krisen schnelle psychologische Beratung erhalten können und wie arbeitsplatzbezogene Therapieelemente die Rückkehr an den Arbeitsplatz nach einer Depression erleichtern können. Durch sein intensives Engagement für die Themen Stress und Erschöpfungsdepression ist er inzwischen deutschlandweit als Experte und Buchautor für den Zusammenhang von Arbeit und Stress/Burnout/Depression bekannt.



Impulsvorträge zum Download:

"Strategien im Umgang mit psychischen Erkrankungen – wie können Unternehmen ihre Mitarbeiter/-innen unterstützen?", Dr. Hans-Peter Unger, Asklepios-Klinik Hamburg-Harburg

Kurzpräsentation der TK-Stressstudie 2016 "Entspann Dich, Deutschland", Rainer Hofmann, Techniker Krankenkasse
Die gesamten Studienergebnisse finden Sie unter www.tk.de.

Präsentation der Beratungsstelle "Perspektive Arbeit und Gesundheit", Änne Hildebrandt, PAG

Präsentation Demographie Netzwerk Hamburg, Susanne Sabisch-Schellhas, ddn Hamburg/KWB e. V.

 

 

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Susanne Sabisch-Schellhas
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