Dokumentation Forum 3

 

Gesundheit – welche Herausforderungen und welche Chancen bietet die Digitalisierung?

Impulsbeiträge:

Tark Oussayfi, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Techniker Krankenkasse

Nicole Plinz, Therapeutische Leitung Zentrum für Stressmedizin, Asklepios Klinikum Harburg
Anna Schröder, Health Manager, Human Resources, Barclaycard


Moderation:
Marlies Faedtke, FAWgGmbH


Protokoll:
Dr. Karin Kelle-Herfurth, Gesundheits- & Organisationsberatung im digitalen Wandel

 

 

Die TK nahm in Forum 3 die Mitarbeiter- und
Unternehmensgesundheit im Kontext der
Veränderungen der Arbeitswelt  in den Fokus

Im Forum 3 ging es um das Thema Gesundheit und um die Gegenüberstellung von Herausforderungen und Chancen durch Digitalisierung. In drei Impulsvorträgen berichteten Unternehmensvertreter/-innen über ihre Erkenntnisse aus der Praxis und gaben Impulse für den Dialog in der anschließenden Diskussionsrunde mit den Teilnehmern/-innen des Forums.


Tark Oussayfi ist Berater im BGM beim Unternehmensservice der Techniker Krankenkasse (TK) und nahm in seinem Beitrag die Mitarbeiter- und Unternehmensgesundheit im Kontext der Veränderungen der Arbeitswelt durch Digitalisierung in den Fokus.


Der Referent stellte knapp die wichtigsten Ergebnisse der TK-Stressstudie #whatsnext von 2016 vor, die zusammen mit dem Personalmagazin und dem Institut für betriebliche Gesundheit durchgeführt wurde. Auch wenn noch keine definitiven Aussagen zu den gesundheitlichen Beanspruchungen und Einflussfaktoren für Wohlbefinden und Stresserleben im Kontext der zunehmend digitalen Arbeitswelt möglich sind, kann man dennoch Trends für die Zukunft erkennen. Dabei gelte es, das Für & Wider – Zeitersparnis, Flexibilisierung und Arbeitszeiten und Arbeitsort, Vereinbarkeit von Beruf & Familie versus Entgrenzung Arbeit & Freizeit, Konfliktpotenzial, Druck – zu berücksichtigen.


Mit dem Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft verschieben sich auch die Schwerpunkte der betrieblichen Gesundheitsförderung und Prävention. Anstelle von klassischen, vordergründig somatisch orientierten Themen wie körperliche Bewegung, Ernährung etc., treten Themen wie psychische Gesundheit, Stressmanagement, Achtsamkeit, Schlaf usw. in den Vordergrund.


Die mit der Digitalisierung einhergehende Umstrukturierung in Unternehmen schafft bei vielen Beschäftigten Unsicherheit über das Fortbestehen des Arbeitsplatzes oder die Veränderungen des Berufsfeldes. Hinzu kommen unklare interne Vorgaben, aber auch die Sorge, den hohen Ansprüchen an Weiterentwicklung nicht gerecht zu werden. Weitere Stressfaktoren sind Kommunikations- und Führungsdefizite sowie mangelnde Anerkennung und Wertschätzung.
Digitales Arbeiten kann mit Überforderungstendenzen einhergehen. Als Herausforderungen der Zukunft hob der Referent den Umgang mit Informations- und Reizüberflutung, zunehmender Komplexität Anstieg der Arbeitsmenge, Arbeitsverdichtung, Arbeitsunterbrechung und Multitasking heraus. Damit Mitarbeiter/-innen souverän damit umgehen können, legt die TK den Fokus in der Prävention auf psychische Gesundheit im betrieblichen Kontext. Hierbei kommen auch digitale Gesundheitsangebote zum Einsatz: Gesundheits-Apps, Online-Videosprechstunden mit teilnehmenden Ärzten, Online-Mitarbeiterbefragungen, Online-Gesundheitscoaching und ein eGuide.

Nicole Plinz, Leiterin des Zentrums für Stressmedizin
im Asklepios Klinikum St. Georg

Nicole Plinz, Leiterin des Zentrums für Stressmedizin im Asklepios Klinikum St. Georg und Tagesklinik für achtsame Depressionsbehandlung, brachte die Perspektive der Behandler und Therapeuten in die Diskussion ein.


Die technologische Entwicklung und der Wertewandel in unserer Gesellschaft treffen auf unsere evolutionär entwickelten Muster der Selbststeuerung. Es ist entscheidend, diese zu kennen, wenn wir die Auswirkungen auf den Menschen verstehen möchten.

 


Unser Überleben, so Plinz, sichern drei emotional motivationale Systeme:

  • System der Gefahrenabwehr
  • System des Ressourcenerhalts und
  • System der Ruhe und Verbindung (das Resonanzsystem)


Wir fühlen uns sicher, wenn diese Systeme im Einklang sind. Wenn der Drang zur ständigen Optimierung und Erneuerung steigt und ein unablässiges "Miteinander vergleichen" den "Zwang" zur Selbstoptimierung nach sich zieht, entsteht sozialer Stress. Ist man länger nicht online, wird man abgestraft und verschwindet von der Timeline. Aus Angst zurückzubleiben und etwas zu verpassen, wird immer mehr Zeit in sozialen Netzwerken investiert. Laut Plinz checken Durchschnittsnutzer ihr Handy 1.400 Mal am Tag und entsperren es alle 13 Minuten. Die ständigen Unterbrechungen schwächen die Konzentration, denn neben Multitasking gehören Unterbrechungen zu den Haupt-Stressfaktoren. Wir brauchen 15 Minuten, um in die Phase der anstrengungslosen Konzentration zu kommen.


Stress kann durch die Aktivierung des Resonanzsystems gemildert werden. Menschen sehnen sich nach Sicherheit und Zugehörigkeit sowie einer Verortung in sozialen Strukturen. Die virtuelle Kommunikation, z. B. über Facebook, bediene zwar Bedürfnis nach Kontakt und biete schnell zu erwerbende Belohnungseffekte. Im Extremfall kann die Abhängigkeit von dieser „sozialen Bestätigungsmaschine“ jedoch mehr Ressourcen kosten statt zu stärken.


Bei zunehmender Komplexität und Unsicherheit, wenn sich der Bezugsrahmen auflöst, wenn Hierarchien abgebaut und Organisations- und Unternehmensgrenzen aufgeweicht werden, sei die Kompetenz, sich an Werten zu orientieren und sich bewusst auf diese Werte ausrichten zu können umso wichtiger. Die Stärkung der Ressourcen ist abgekoppelt vom Belohnungssystem. Wir müssen unser emotional-motivationales System unabhängig davon durch eine interne Kontrollinstanz steuern können, indem wir unsere Kompetenzen zur Digital Balance stärken. Was uns dabei hilft, fasst Plinz fasst in einem Satz zusammen: "Wir brauchen weniger Know-how, mehr Know-why!" 

 

 

Über 250 Gäste besuchten den ddn-Fachkongress zum Thema Digitalisierung



Anna Schröder ist seit 3 Jahren als Health Manager bei Barclay Card im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) tätig und hat dort bereits messbare Erfolge mit der Verankerung eines strukturell angelegten BGM erzielt. Sie arbeitet seit 15 Jahren als Gesundheitsmanagerin und begleitet inzwischen auch andere Unternehmen als freie Beraterin und Coach.


Die Referentin sprach von einem Paradigmenwechsel im Gesundheitsmanagement: Früher habe der Fokus hauptsächlich auf der physischen Gesundheit und dem klassischen Arbeits- und Gesundheitsschutz mit den Handlungsfeldern Ergonomie, Bewegung und Ernährung gelegen. Dann habe man zunehmend erkannt, dass körperliche Beschwerden und Erkrankungen auch immer eine psychische Komponente hätten und sogar durch psychische Belastungen entstehen könnten.

 

Anna Schröder ist Health Manager bei Barclay Card

Ein Hauptbelastungsfaktor sei der "Druck von oben". Schröder zitierte eine Studie von 2001 über den Einfluss von Führung auf Gesundheit. Eine wesentliche Erkenntnis der Erhebung sei gewesen, dass der Krankenstand einer Abteilung mit der jeweiligen Führungskraft korrelierte. Zum anderen werde das Thema der sozialen Gesundheit – also der Unternehmenskultur – immer wichtiger. Hier liege auch der Schlüssel für den Umgang mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Gesundheit. Mitarbeiter/-innen könnten über kulturelle Veränderung auf verschiedenen Ebenen lernen, mit den neuen Anforderungen umzugehen.


Welche Chancen in der Anwendung digitaler Lösungen liegen, aber auch welche Risiken, zeigte die Referentin an folgenden Beispielen auf:


Mobile Devices bieten größere Flexibilität und ermöglichen die Arbeit im Homeoffice sowie eine bessere Vereinbarkeit von Arbeit, Familie und Freizeit. Auf der anderen Seite erzeugen sie auch ein erhöhtes Stresslevel durch die ständige Erreichbarkeit.


Eine höhere Standardisierung und Automatisierung biete zum einen Zeitersparnis und schaffe Raum für die Fokussierung auf relevante Inhalte und Aufgaben. Doch die Gefahr ständiger Kontrolle durch hohe Transparenz über Geschwindigkeit und Qualität der Arbeit könne auch Druck erzeugen.


Der Einsatz von Robotics verringere zwar die Fehlerquote, aber auch den Gestaltungsspielraum für den Mitarbeitenden bis hin zur Eintönigkeit der Tätigkeit.
Digitale und Kommunikation und Information schaffe einerseits Transparenz und gebe den Mitarbeitern/-innen die Chance sich zu beteiligen sowie Einfluss zu nehmen. Andererseits sorgen die digitalen Medien auch für ständige Unterbrechung und für Überforderung durch die Informationsflut, die priorisiert und verarbeitet werden müsse.


Die zentrale Rolle für die Umgestaltung der Unternehmenskultur sieht Schröder bei den Führungskräften. Sie üben eine Vorbildfunktion aus, denn Mitarbeiter/-innen orientieren ihr Handeln daran, was ihnen das Top-Management und der direkte Chef vorleben. Wichtig sei es Transparenz über die Unternehmensstrategie herzustellen, eine klare Erwartungshaltung zu kommunizieren und Ängste vor Jobverlust zu nehmen. An zweiter Stelle steht nach Schröder die Organisationsentwicklung. Es ist Aufgabe des Unternehmens, Rahmen und Formate zu schaffen, in denen Menschen gut miteinander arbeiten können. Zur Unternehmenskultur gehört auch ein betriebliches Gesundheitsmanagement, das von der Unternehmensleitung aktiv unterstützt und vorgelebt wird. Gesundheitsbewusstsein und Aufmerksamkeit für das Thema sollten im Betrieb verankert werden. Konkrete Unterstützung für Mitarbeiter/-innen könnte beispielsweise durch ein EAP-Angebot sowie durch Achtsamkeits- und Resilienztrainings erfolgen.

 

 

 

Weitere Informationen zum Demographie Netzwerk Hamburg gibt es unter
hamburg.demographie-netzwerk.de



Diskussion mit den Teilnehmern/-innen


Im Anschluss an die Praxisbeispiele bestand unter den Teilnehmern/-innen Diskussionsbedarf vor allem im Hinblick auf die konkrete Umsetzung einer Digitalisierung innerhalb des Unternehmens. Problematisch sahen viele den Konflikt, dass Digitalisierung zwar praktiziert werde, zum Teil die Abläufe im Unternehmen allerdings nicht optimal unterstütze, so dass in einigen Bereichen eher ein Gefühl der Mehrarbeit entstehen könnte. Ein konkretes Beispiel sei die Vereinfachung von Abläufen dank der digitalen Ablage von Dokumenten. Fehlten allerdings die zuständigen Mitarbeiter/-innen auf Grund von Krankheit oder Urlaub, verhindere der eingeschränkte Zugriff auf entsprechende Dokumente die Möglichkeit eines schnellen Eingreifens.


Thematisiert wurde zudem die Tatsache, dass viele Unternehmen mittlerweile zwar ihre Angebote zur Gesundheitsförderung ausgeweitet hätten, die Teilnehmerquoten bzw. die Inanspruchnahme jedoch oftmals weit unter dem angestrebten Soll blieben. Insofern stelle sich die Frage nach dem Nutzen und der Wirtschaftlichkeit allgemein adressierter Angebote. Zumal die eigentlich relevanten Zielgruppen oftmals nicht erreicht würden, sondern vor allem jene Beschäftigte, die besonders gesundheitsaffin seien und ohnehin einem gesundheitsförderlichen Lebensstil nachgingen. Ähnliches gelte auch für digitale Angebote. Grund für die unzureichende Ansprache der "richtigen" Beschäftigten sei vor allem die Tatsache, dass Gesundheitsinformationen und Angebote bislang üblicherweise nicht über die tatsächlich genutzten Kommunikationswege der Zielgruppe stattfänden.

 

 

An der Podiumsdiskussion zum Thema "Digitalisierung und Fachkräftesicherung" nahmen (v. l.) Uli Wachholtz, UVNord-Präsident, Thomas Dorn, TK, Michael Hennig, ddn-Vorstandsmitglied, Reimund Overhage, BMAS, Moderator Jörn Straehler-Pohl, und Staatsrätin Petra Lotzkat teil

 


Am Ende des Forums stand der Blick in die Zukunft. Für die Betriebliche Gesundheitsförderung und das Betriebliche Gesundheitsmanagement sahen die Referenten/-innen neue Themen- und Handlungsfelder sowie veränderte Gestaltungsanforderungen. Nach Meinung von Herrn Oussayfi werden z. B. digitale BGF-Angebote in den nächsten fünf Jahren enorm an Bedeutung gewinnen (z. B. Gesundheits-Apps, Wearables). Im Hinblick auf die Wirksamkeit und den Nutzen eines BGM werde auch das Kennzahlenmanagement als Steuerungsinstrument zunehmend relevanter. Kennzahlen seien vor allem dann interessant, wenn sie tatsächlich Hinweise auf Gesundheitseffekte anzeigen (nicht Krankheitsfolgen) und Trends erkennen lassen, die eine frühzeitige Intervention durch bedarfsgerechte Maßnahmen ermöglichen. Denn nur dann sei ein BGM auch wirtschaftlich.


Neben den digitalen Angeboten und dem Kennzahlenmanagement würden auch Gesundheitsangebote zum Thema Schlaf und Erholung sowie die psychische Gefährdungsbeurteilung in Zukunft immer mehr an Bedeutung gewinnen. Trotz der 2013 eingeführten gesetzlichen Verpflichtung, bestehe in diesem Bereich noch erheblicher Nachholbedarf bei der Umsetzung – vor allem im Hinblick auf die Flexibilität der Mitarbeiter/-innen.  Wenn Menschen durch die Digitalisierung immer mobiler und flexibler – zeit- und ortsunabhängig – arbeiten, müssten die Maßnahmen entsprechend ausgerichtet werden, damit sie auch diejenigen erreichen, die nicht im Betrieb anzutreffen seien. Digitales BGM sei daher bereits heute in vielfältiger Form auf dem Vormarsch: Von den Unternehmen würden derzeit besonders Online-Befragungen und Online-Gesundheitscoaching nachgefragt. Bei den individuellen digitalen Angeboten für Versicherte seien vor allem bei Männern Wearables beliebt. Frauen hingegen würden eher auf edukative Angebote zu klassischen Themen wie Ernährung und Stress zurückgreifen.

Hier finden Sie die Präsentationen:

 

"Gesundheit – welche Herausforderungen und Chancen bietet die Digitalisierung?", Tark Oussayfi, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Techniker Krankenkasse

 

"Digitale Resilienz", Nicole Plinz, Therapeutische Leitung Zentrum für Stressmedizin, Resilienz Zentrum Hamburg, Asklepios Klinikum Harburg


"Gesundheit – Herausforderungen & Chancen der Digitalisierung", Anna Schröder, Health Manager, Human Resources, Barclaycard. Informationen zum Vortrag finden Sie auf folgender Website: www.anna-schroeder-consulting.de




 


 

 

Kontakt

 

Susanne Sabisch-Schellhas

Tel.: 040 334241-415

 

Daria Prabucki

Tel.: 040 334241-210

Flyer ddn Hamburg