Jetzt erst recht – BGM in Krisenzeiten

Dr. Sabine Voermans

Dr. Sabine Voermans, Leiterin Gesundheitsmanagement bei Die Techniker, präsentierte Auszüge aus dem aktuellen TK-Gesundheitsbericht. Foto: © TK

Welche Folgen hat die Corona-Pandemie auf die Arbeitsfähigkeit von Beschäftigten und wie können Unternehmen angemessen reagieren? Dr. Sabine Voermans, Leiterin Gesundheitsmanagement bei Die Techniker, stellt den TK-Gesundheitsbericht vor und berichtet, dass Beschäftigte sich 2020 zwar seltener, dafür aber im Schnitt länger arbeitsunfähig gemeldet haben. Signifikant ist außerdem der Anstieg an psychischen Erkrankungen. Wie Führungskräfte ihre Mitarbeitenden während der Krise unterstützen können, erläutern Fleur Glaner, Leiterin Betriebliche Gesundheit und Prävention, und Ewa Jakubczak, Beraterin der FAW gGmbH, anhand praktischer Beispiele.

Anstieg psychischer Erkrankungen

Grafik: Krankheitsverteilung
0,39 Prozent der TK-Mitglieder mussten 2020 aufgrund einer Corona-Infektion und 20 Prozent aufgrund psychischer Erkrankungen der Arbeit fernbleiben.

In Branchen mit viel Menschenkontakt gab es erwartungsgemäß besonders viele Covid-19-Erkrankungen. Mitarbeiter/-innen in der Software-Entwicklung, in Kanzleien und an Hochschulen, die eher die Möglichkeit zum Homeoffice hatten, infizierten sich dagegen am seltensten mit dem Virus. Die Belastungen, die Mitarbeitende während der Corona-Pandemie empfunden haben, sind dagegen branchenübergreifend. Dr. Sabine Voermans, Leiterin Gesundheitsmanagement bei Die Techniker, berichtet aus dem TK-Gesundheitsbericht: "Während nur 0,39 Prozent aller Krankmeldungen bei der TK im Jahr 2020 auf eine Covid-19-Infektion zurückgingen, erfolgten rund 20 Prozent aufgrund einer psychischen Erkrankung. Das ist ein Anstieg von rund zwei Prozentpunkten innerhalb eines Jahres."

Belastungen durch Corona

Grafik: Burn-out während des Lockdowns
Je länger die Pandemie dauerte, desto mehr Menschen litten unter Burn-out-Symptomen.

"Wir haben auch abgefragt, was sich belastend auf die Berufstätigen ausgewirkt hat", führt Dr. Voermans fort. "89 Prozent nannten das Fehlen persönlicher Kontakte. Die Angst vor Ansteckung erwähnten 60 Prozent und 59 Prozent der Erwerbstätigen mit mindestens einem Kind fühlten sich durch die Kita- und Schulschließungen belastet." Aus der vorgestellten Statistik lässt sich ablesen, dass Frauen der Belastung durch Kita- und Schulschließungen in höherem Maße ausgesetzt waren als Männer. Der Anteil an Frauen mit Burn-out-Symptomen stieg während des Lockdowns und sank, als die Kitas und Schulen wieder öffneten. "Homeoffice mit Kind schlaucht am meisten", fasst Dr. Voermans zusammen. "Man kann außerdem feststellen, dass die Erschöpfungserscheinungen umso größer wurden, je länger die Pandemie dauerte."

Berichte aus den Unternehmen

Auf dem digitalen Fachforum Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM) von ddn Hamburg, das am 8. November 2021 stattfand, tauschten sich die Teilnehmenden darüber aus, welche Spuren der Corona-Pandemie sie in ihren Unternehmen feststellen konnten. "Wir waren bereits in den Vorbereitungen, mehr flexibles Arbeiten zu ermöglichen. Mit dem Lockdown musste dann alles schnell gehen und teilweise improvisiert werden", so die BGM-Beauftragte einer Krankenkasse. "Inzwischen haben wir das hybride Arbeiten auf solidere Beine gestellt und sind ganz zufrieden. Die großen Fragen bleiben aber: Wie führe ich auf Distanz? Und auf der anderen Seite: Wie organisiere und motiviere ich mich im Homeoffice?"

Die Referentin für Betriebliches Eingliederungsmanagement (BEM) eines Software-Unternehmens berichtet von der Herausforderung der Reintegration und des New Boarding auf Distanz. "Wir haben auch viele Anfragen von Führungskräften bekommen, wie sie psychische Belastung auf Distanz erkennen und wie sie darauf reagieren können", so die BGM-Beauftrage. "Ich kann als präventiven ersten Schritt nur raten, im Austausch zu bleiben und auch die Kamera in Besprechungen anzulassen, um Nähe herzustellen", fasst sie zusammen.

BGM und BEM müssen digital werden

Grafik: Schlaglicht Pandemie & BEM

Klar war nach dem Unternehmensaustausch: BGM war nie wichtiger als jetzt und BGM muss digital werden. Doch: Funktioniert hybrides Fallmanagement? Ist in digitalen Räumen das Gleiche zu leisten wie in persönlichen Treffen?

Fleur Glaner ist Leiterin Betriebliche Gesundheit und Prävention bei der FAW gGmbH und eine der beiden Moderatorinnen des ddn-Fachforums BGM. Sie sagt deutlich, dass Führungskräfte, BGM- sowie BEM-Verantwortliche für diese digitalen Herausforderungen spezielle Kompetenzen benötigen, die über Qualifizierung erworben werden können. In der Pandemie ist ein Online-Austausch oft die einzige Möglichkeit, Mitarbeitende zu beraten. Diese Chance sollte unbedingt genutzt werden.

Vertrauensbasierte Führungskultur

"Die Führungskultur spielt in dieser Zeit eine große Rolle. Unternehmen, in denen diese von Vertrauen und Wertschätzung geprägt ist, kommen besser durch die Krise", so Fleur Glaner. "Wir hören immer wieder von betroffenen Personen, dass Anerkennung und ein offenes Ohr schon sehr viel bewirken können." Wenn Mitarbeitende ernst genommen werden, dann können auch Lösungen gefunden werden. Es erleichtere die Rückkehr von Mitarbeitenden ungemein, wenn sie sich von den Vorgesetzten geschätzt und ernst genommen fühlen.

Individuelle Lösungen

Bild: Mann sitzt am Schreibtisch im Homeoffice.
Homeoffice empfinden einige Mitarbeitende als Erleichterung und andere als Belastung.
Foto: © Claudio Schwarz on Unsplash

Was als Belastung und was als Hilfe wahrgenommen wird, ist dabei sehr individuell. Homeoffice und digitale Fallberatung ist für viele eine große Erleichterung. Andere benötigen den direkten Kontakt, um nicht abzudriften und sich nicht allein gelassen zu fühlen. Um den individuellen Bedürfnissen näherzukommen, müsse man im Dialog bleiben, sagt Ewa Jakubczak, Beraterin der FAW gGmbH und zweite Moderatorin des ddn-Forums BGM. "In einem Fall zeigte sich im Austausch, dass die schnelle Rückkehr an die Arbeitsstelle für einen Covid-19-Erkrankten nach seiner Genesung besonders wichtig war, da die gefühlte Einsamkeit des alleinstehenden Mannes im Homeoffice nicht zu seiner Wiedereingliederung beigetragen hätte", erzählt sie aus der Praxis.

Sie berichtet auch von einem anderen Fall, bei dem eine Mitarbeiterin Long-Covid-Symptome zeigte und sich verunsichert fühlte, ihre Arbeit richtig erledigen zu können. "Sie hat sich dem Vorgesetzten anvertraut und gemeinsam wurde die Idee umgesetzt, ihr eine Mitarbeiterin zur Seite zu stellen, die ein Auge auf ihre Tätigkeiten hat. Das gab der Betroffenen Sicherheit und sie konnte erwerbstätig bleiben."

BGM als Krisenschutz

Susanne Sabisch-Schellhas, Projektleiterin von ddn Hamburg, fasst abschließend zusammen: "Unternehmen mit einem guten BGM und BEM sowie einer guten Führungskultur kommen besser durch die Corona-Krise." Betroffene sollten destigmatisiert und ernst genommen werden, um die Reintegration zu erleichtern.

"Wer sich weiter mit dem Thema beschäftigen und mit anderen Unternehmen dazu im Austausch bleiben möchte, ist herzlich eingeladen, sich dem Arbeitskreis 'Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz‘, geleitet von Fleur Glaner, sowie dem Arbeitskreis 'Betriebliches Eingliederungsmanagement‘, geleitet von Ewa Jacubczak, anzuschließen", schloss Susanne Sabisch-Schellhas die Veranstaltung.

ddn-Fachforum: Betriebliches Gesundheitsmanagement (BGM)

Icon: BGMHier erhalten Sie mehr Informationen zum Fachforum "Betriebliches Gesundheitsmanagement" mit den Arbeitskreisen "Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz" sowie "Betriebliches Eingliederungsmanagement" im Rahmen von ddn Hamburg.  

 

Präsentationen

Präsentation der TK"Ein Jahr Corona-Pandemie: Wie geht es Deutschlands Beschäftigten?, Präsentation von Dr. Sabine Voermans, Leiterin Gesundheitsmanagement bei Die Techniker

 

Präsentation FAW"Psychische Belastungen infolge von Corona bewältigen", Präsentation von Fleur Glaner, Leiterin Betriebliche Gesundheit und Prävention, und Ewa Jakubczak, Beraterin der FAW gGmbH.

 

Padlet-Ergebniswände

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Wie können wir die psychischen Belastungen der Mitarbeitenden in Unternehmen reduzieren?

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Tel.: 040 334241-415

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