News

Erfahrung zählt. Zukunft kennt kein Alter.
Interview mit Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, Ph.D.

Portrait von Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, Ph.D. Portrait von Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, Ph.D.

Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, Ph.D.,
Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin und Keynote-Speakerin bei der Online-Tagung Change Maker 50plus.

Warum können wir es uns nicht leisten, auf die Erfahrung von 50plus zu verzichten?
Und was muss sich ändern, damit dieses Potenzial stärker genutzt wird?

Prof. Dr. Jutta Allmendinger gehört zu den einflussreichsten Soziologinnen Deutschlands und zu den wichtigsten Stimmen im gesellschaftlichen Diskurs. Mit ihrer Forschung zu Bildung, Arbeitsmarkt und sozialer Ungleichheit setzt sie Impulse weit über die Wissenschaft hinaus.

Beim Change Maker 50plus am 8. Oktober 2026 hält sie die Keynote am Vormittag und zeigt, warum Wirtschaft und Politik die Generation 50plus stärker in den Fokus rücken müssen.

Im Interview spricht Prof. Dr. Jutta Allmendinger darüber, was jetzt passieren muss – in Unternehmen, Arbeitswelt und Gesellschaft. Das Interview führte Nicole Schmutte vom NDR, Co-Initiatorin und Beirätin der CM50plus Konferenz.


Liebe Frau Professorin Allmendinger, Deutschland steckt mitten im demografischen Wandel und gleichzeitig herrscht Fachkräftemangel. 
Warum können wir es uns da wissenschaftlich und wirtschaftlich nicht leisten, das Potenzial von Menschen 50plus zu übersehen?

Prof. Allmendinger: Weil viele Menschen in diesem Alter super fit sind und hochproduktiv. Gerade in dieser Lebensphase entstehen zudem bei vielen Menschen neue Freiräume: Kinder werden selbstständiger, Erfahrung und Souveränität sind gewachsen – Zeit und Kopf werden frei. Statt diese Phase als Beginn des Rückzugs zu behandeln, sollten Unternehmen Lust auf einen zweiten Aufbruch wecken. 50plus kann eine Startlinie sein, es ist nicht das Ziel.

Viele Beschäftigte erleben mit etwa 55 Jahren, dass ihre Karriere plötzlich langsamer wird und Aufstiegsmöglichkeiten auch ganz wegfallen. 
Warum ist dies eine unkluge Entwicklung – für die Betroffenen und für die Unternehmen??

Prof. Allmendinger: Wir erzeugen diesen Knick zu einem erheblichen Teil selbst und beklagen uns dann. Menschen ab 55 erhalten weniger Weiterbildung, weniger Beförderungen, weniger Zutrauen als Jüngere. Sie ziehen sich daher oft zurück. Der Rückzug wird wiederum als Folge des Alters interpretiert. Das ist dumm. Dabei zeigt schon die Verschiebung des Rentenalters von 65 auf 67, wie wenig eine bestimmte Zahl über die Leistungsfähigkeit aussagt. Menschen haben kein Verfallsdatum mit 55; unsere Normen müssen verfallen.

Jung wird häufig mit innovativ, flexibel und digital verbunden, älter dagegen mit Erfahrung und zugleich mit wenig VeränderungsbereitschaftWas ist an diesen tradierten Altersbildern wissenschaftlich dran – und was ist schlicht ein Vorurteil?

Prof. Allmendinger: Altern ist kein einheitlicher Abbauprozess: Manche Fähigkeiten verändern sich, andere bleiben stabil oder gewinnen durch Erfahrung, Wissen und Urteilsvermögen hinzu. Die Unterschiede zwischen Gleichaltrigen sind beträchtlich. Trotzdem behandeln wir Alter häufig wie eine biologische Diagnose und übersehen, wie stark die Leistungsfähigkeit von ganz anderen Merkmalen – Bildung, Gesundheit, Tätigkeit und Lebenssituation – abhängt.

Was bewirkt das Gefühl, dass die eigene Leistung ab einem bestimmten Alter weniger zählt?

Prof. Allmendinger: Es wirkt weit über den Arbeitsplatz hinaus, denn Erwerbsarbeit ist mehr als Einkommen: Sie gibt Struktur, soziale Netzwerke, Anerkennung und Selbstwirksamkeit und kann damit auch Gesundheit und gesellschaftliche Teilhabe unterstützen. Wer Menschen früh aus der Arbeitswelt herausdefiniert, riskiert nicht nur verlorene Arbeitskraft, sondern auch verlorene soziale Einbindung – mit Folgen für Individuen und Gesellschaft. Gute Erwerbsarbeit kann eine Ressource für ein gutes Altern sein.

Sie halten bei unserer ChangeMaker50plus Konferenz Ihre Keynote am Vormittag. Was wird Ihre zentrale Botschaft an Unternehmen und Gesellschaft sein?

Prof. Allmendinger: Wir müssen Alter und Produktivität endlich gedanklich voneinander trennen: Es gibt keinen biologischen Grund, weshalb mit dem Erreichen eines bestimmten Alters Erwerbsarbeit plötzlich unpassend werden sollte – und dennoch gerät, wer mit über 60 weiterarbeitet, oft in eine Rechtfertigungsposition. Besonders Frauen stoßen dabei auf zusätzliche Rollenerwartungen: Die Großmutter, die weiterarbeitet statt selbstverständlich für die Enkel verfügbar zu sein, gilt schnell als egoistisch. Rabenoma eben. Verrückt ist nicht, erwerbstätig sein zu wollen – verrückt ist, sich dafür rechtfertigen zu müssen, während wir gleichzeitig über die demografische Entwicklung und den Fachkräftemangel klagen.

Wir dürfen alle sehr gespannt sein und freuen uns auf Ihren Impuls am 8. Oktober. Vielen Dank für das Interview.

Das Interview mit der renommierten Soziologieprofessorin Dr. Jutta Allmendinger führte Nicole Schmutte vom NDR, Co-Initiatorin und Beirätin der CM50plus Konferenz

Donnerstag, 8. Oktober 2026
von 10:00 Uhr bis 17:00 Uhr

Mehr erfahren ...

Online-Tagung

Change Maker 50plusmessbar wirken!

Seid dabei als hoch wirkungsvolles Netzwerk, das Generationen verbindet und neue Räume für Austausch, Mut und Zusammenarbeit schafft.

Wir wollen die Ziele weiter professionell vorantreiben: Haltung, Mut und echtes gemeinsames Gestalten. Effizienz, ein klarer Blick auf den Stand heute und konkrete Ziele sind dabei entscheidend. Was uns trägt, ist unsere Gestaltungskraft – voller Elan, mutig und neugierig haben wir Wege geebnet und neue Denkweisen angestoßen.

Online-Events mit der TLA umsetzen

Sie möchten als Unternehmen in einem Webinar über neue Produkte informieren oder als Verband eine Online-Tagung veranstalten? Wir unterstützen Sie bei der Umsetzung großer Live-Online-Events für bis zu 1.000 Teilnehmende – mit passender Technik und unserer Expertise. Überlassen Sie uns die Verantwortung für Software, Backend-Pflege, Ticketing sowie Regie und konzentrieren Sie sich ganz auf Ihre Inhalte.

Lernen Sie uns in einem unverbindlichen Beratungsgespräch kennen. Wir freuen uns auf Ihre Anfrage.

Kontakt


Die Netzwerkstelle "Demographie Netzwerk Hamburg" wird im Rahmen des Projekts "Fachkräfte für Hamburg" von der Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Innovation der Freien und Hansestadt Hamburg finanziert und durch das Aktionsbündnis für Bildung und Beschäftigung Hamburg – Hamburger Fachkräftenetzwerk unterstützt.

Alle News Nächste News