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Ableismus erkennen und Inklusion stärken: Drei Fragen an Anne Gersdorff

Wie gelingt ein inklusiveres Miteinander – im Mentoring, im Arbeitsalltag und in unserer Gesellschaft insgesamt? Diese Frage stand im Mittelpunkt des letzten Netzwerktreffens im Rahmen des "Expertinnen-Netzes. Mentoring für Frauen", bei dem wir die große Freude hatten, Anne Gersdorff, als Impulsgeberin willkommen zu heißen. Als Buchautorin, Aktivistin, Diversity-Trainerin und Expertin für Inklusion, Antidiskriminierung und Diversität führte sie in das Thema Ableismus ein – die strukturelle Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen oder Erkrankungen und damit verbundene Ausgrenzungsmechanismen.

Ihr Impuls hat im Netzwerk viele Denkanstöße ausgelöst und einmal mehr gezeigt, wie wichtig Sensibilität für unterschiedliche Lebensrealitäten ist, gerade auch im Mentoring-Kontext. Umso mehr freuen wir uns, dass uns Anne Gersdorff im Anschluss an die Veranstaltung noch drei Fragen zu ihrem Buch "Stoppt Ableismus!" beantwortet hat.

Buchautorin Anne Gersdorff Buchautorin Anne Gersdorff
Anne Gersdorff ist Buchautorin, Aktivistin, Diversity-Trainerin und Expertin für Inklusion, Antidiskriminierung und Diversität.

Welches Anliegen war Ihnen beim Schreiben von "Stoppt Ableismus!" besonders wichtig und wo erhoffen Sie sich den größten Aha-Effekt für Leser*innen?

Anne Gersdorff: Besonders wichtig war uns, Karina Sturm und mir, mit "Stoppt Ableismus!" ein Buch für die Mehrheits- bzw. Dominanzgesellschaft zu schreiben. Wir wollten den Begriff Ableismus im deutschsprachigen Raum bekannter machen. Denn oft werden Ausschlüsse von Menschen mit Behinderungen in Deutschland oftmals verharmlosend als "Barrieren" oder organisatorische Probleme beschrieben und nicht als das, was sie sind: strukturelle Diskriminierung.

Der größte Aha-Effekt liegt aus unserer Sicht also hoffentlich darin, sichtbar zu machen, wie tief diese Ausschlüsse in gesellschaftlichen Strukturen und alltäglichen Verhaltensweisen verankert sind. Leser*innen sollen ihre eigene Rolle erkennen und reflektieren, wie sie durch eigene Haltungen, Routinen und Glaubenssätze Diskriminierung mittragen oder auch verändern können. 

Welche Veränderung wünschen Sie sich zuerst in zentralen gesellschaftlichen Bereichen wie Bildung, Arbeit oder Gesundheit, um Ableismus zu stoppen?

Anne Gersdorff: Zunächst wünschen wir uns einen grundlegenden Perspektivwechsel: Wir müssen wegkommen von der Vorstellung, dass Menschen sich an bestehende Systeme anpassen müssen. Vielmehr ist die Frage, wie Bildung, Arbeit und Gesundheit so gestaltet werden können, dass sie Vielfalt selbstverständlich mitdenken.

Konkret bedeutet das in der Bildung den Abbau von Sonderstrukturen und eine konsequente inklusive Ausrichtung, die nicht auf Defizite und Diagnosen, sondern auf unterschiedliche Lern- und Lebensrealitäten reagiert. Im Bereich Arbeit braucht es den klaren politischen Willen, Ausschlüsse – etwa durch Werkstätten – zu überwinden und stattdessen inklusive, gut abgesicherte Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu fördern. Und im Gesundheitssystem ist es zentral, ableistische Annahmen über Lebensqualität, Leistungsfähigkeit und "Normalität" zu hinterfragen, die noch immer über Versorgung und Entscheidungen bestimmen.

Übergreifend geht es darum, Ableismus als strukturelles Problem anzuerkennen und nicht die Verantwortung bei einzelnen Menschen mit Behinderungen, sondern bei Institutionen, Gesetzen und gesellschaftlichen Normen zu verorten. Inklusion ist in der UN-Behindertenrechtskonvention verankert und damit ein Menschenrecht.

Welche konkreten Schritte können Menschen, die selbst nicht behindert sind, im Alltag gehen, um aktiv ableistische Strukturen zu hinterfragen und abzubauen?

Anne Gersdorff: Menschen, die selbst nicht behindert sind, können und müssen aktiv werden, indem sie zunächst aufmerksam werden für die vielen Formen von Ableismus, wie Ausschlüsse, Annahmen über Fähigkeiten oder Leistung eines Menschen oder Sprache, die Menschen auf ihre Behinderung reduziert.

Konkret können sie:

Zuhören und lernen: Behinderte Menschen selbst zu Wort kommen lassen und deren Erfahrungen ernst nehmen.

Sprache reflektieren: Begriffe wie "hilfsbedürftig" oder "normal" hinterfragen und inklusive Formulierungen wählen.

Barrieren benennen, um strukturelle Hindernisse sichtbar zu machen und abzubauen.

Entscheidungen prüfen und den Status quo in Frage stellen, z. B. bei der Planung von Arbeit, Veranstaltungen oder Projekten und aktiv Inklusion berücksichtigen.

Eigenes Verhalten hinterfragen: Eigene Vorannahmen, Routinen und Privilegien erkennen und anpassen.

Das Ziel ist nicht, "perfekt" zu handeln, sondern kontinuierlich bewusst zu handeln und Strukturen, die ausschließen, kritisch zu hinterfragen. So kann jede Person zu Veränderungen und einer weniger ableistischen Gesellschaft beitragen.

Herzlichen Dank, Anne Gersdorff, für das Interview und Ihren spannenden Impuls beim Netzwerktreffen der Mentorinnen.



Stoppt Ableismus!
Diskriminierung erkennen und abbauen
Anne Gersdorff und Karina Sturm

Rowohlt Taschenbuch, 2. Auflage,
288 Seiten, ISBN: 978-3499011870

Mentee oder Mentorin werden

Wenn Sie als Mentee Teil des "Expertinnen-Netzes" werden möchten, übersenden Sie uns gern den ausgefüllten Fragebogen. Ausgehend davon lernen wir Sie und Ihre Wünsche in einem Erstgespräch genauer kennen und besprechen, ob sich ein Mentoring für Sie eignet.

Wenn Sie sich als ehrenamtliche Mentorin im "Expertinnen-Netz" engagieren möchten, nehmen Sie gern jederzeit per E-Mail (expertinnen-netz@kwb.de) oder telefonisch Kontakt zum Projektteam auf.

Wir freuen uns auf Sie!

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Das "Expertinnen-Netz. Mentoring für Frauen" wird im Rahmen des Projekts "Fachkräfte für Hamburg" von der Behörde für Wirtschaft, Arbeit und Innovation der Freien und Hansestadt Hamburg finanziert. 

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