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Wechseljahre am Arbeitsplatz: Vom Tabuthema zur betrieblichen Aufgabe

Wenn erfahrene Mitarbeiterinnen wegen Wechseljahresbeschwerden Arbeitszeit reduzieren, ausfallen oder sogar früher aus dem Berufsleben ausscheiden, wird aus einem vermeintlich privaten Thema eine betriebliche Frage.

Wie Unternehmen und Organisationen damit umgehen können, stand im Mittelpunkt der Coffee Break 50+ „Wechseljahre am Arbeitsplatz – sensibilisieren, verstehen und gestalten“ am 2. November 2026. 32 Teilnehmende diskutierten mit Astrid Müller, Gesundheitswissen-schaftlerin und Expertin für Wechseljahre am Arbeitsplatz, und Dagmar Beyersdörfer vom Betrieblichen Gesundheitsmanagement des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg, wie Frauengesundheit stärker in den Arbeitsalltag integriert werden kann.

Wechseljahre werden zur betrieblichen Zukunftsfrage

Die Zahlen zeigen, warum es sich lohnt hinzusehen. Laut der vorgestellten MenoSupport-Studie geben rund 90 Prozent der befragten Frauen an, dass Wechseljahresbeschwerden ihre Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz beeinträchtigen. Fast ein Drittel war deshalb bereits krankgeschrieben, mehr als ein Viertel erwägt eine Reduzierung der Arbeitszeit. 16 Prozent denken über einen Arbeitsplatzwechsel nach.

Für Astrid Müller ist deshalb klar: Hormongesundheit gehört auch in den betrieblichen Kontext. Veränderungen in dieser Lebensphase können unter anderem Konzentration, Stresstoleranz, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit beeinflussen.

Die Speaker des Plenums

Die Gesundheitswissenschaftlerin Astrid Müller erklärte, warum die Wechseljahre ein selbstverständlicher Teil der Personalpolitik sein sollten. Foto: KWB

Ihr Anliegen bringt sie auf einen einfachen Satz:

„Jede einzelne Frau, die ohne Hilfe im Hormonchaos ist, ist eine zu viel.“

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, Frauen in den Wechseljahren zu stigmatisieren. Im Gegenteil: Das Thema soll als selbstverständlicher Bestandteil einer lebensphasenorientierten Gesundheits- und Personalpolitik verstanden werden.


Best Practice aus Berlin: Schritt für Schritt statt Einzelmaßnahme

Wie das praktisch aussehen kann, zeigte Dagmar Beyersdörfer vom Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg in Berlin. Dort wurde das Thema Ende 2025 gezielt in das Betriebliche Gesundheitsmanagement aufgenommen. Statt mit einer Einzelaktion zu starten, entwickelte das Bezirksamt einen mehrstufigen Ansatz:

Vorbereitung. Sensibilisierung und Aufklärung. Evaluation. Vertiefung und Verstetigung.

Ein wichtiger erster Schritt war die Frage: Was gibt es bereits und woran können wir anknüpfen?

Flexible Arbeitszeiten, mobiles Arbeiten, Angebote zur psychischen Gesundheit, Führungskräfteberatung und etablierte BGM-Strukturen waren bereits vorhanden. Das Thema Wechseljahre wurde nicht als separates Sonderprogramm daneben gestellt, sondern in bestehende Strukturen integriert.

Ebenso wichtig: Die Zielgruppe umfasst nicht nur unmittelbar betroffene Frauen. Führungskräfte, interessierte Beschäftigte und auch Männer wurden bewusst einbezogen. Denn ein offener Umgang mit Frauengesundheit funktioniert nur, wenn das Thema nicht allein bei den Betroffenen verbleibt.

Erst sensibilisieren, dann Angebote schaffen

Dagmar Beyersdörfer vom Betrieblichen Gesundheitsmanagement des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg.

Dagmar Beyersdörfer erklärte, wie das Betriebliche Gesundheitsmanagement des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg Frauengesundheit in den Arbeitsalltag integriert. Foto: KWB

Das Bezirksamt setzte zunächst auf Information und Sichtbarkeit. Führungskräfte wurden gezielt angesprochen, im Beschäftigtenportal wurden Informationen bereitgestellt, hinzu kamen Tagesmeldungen, Vorträge, Veranstaltungen und Angebote rund um Hormongesundheit, Schlaf, Ernährung und Wechseljahre.

Der Ansatz: Erst Verständnis schaffen, dann vertiefen.

Besonders gut angenommen wurden nach der bisherigen Evaluation die Online-Angebote. Andere Formate, darunter bestimmte Austausch- und Gesundheitszirkel, erreichten dagegen weniger Beschäftigte.

Auch das gehört zum Prozess: Maßnahmen ausprobieren, Resonanz prüfen und das Angebot entsprechend weiterentwickeln.

Genau darin liegt eine zentrale Erkenntnis für andere Unternehmen: Eine Menopausenstrategie muss nicht von Beginn an perfekt sein. Sie muss lernfähig sein.


So können Unternehmen konkret starten

Der Austausch machte deutlich: Es braucht nicht sofort ein umfassendes Programm. Entscheidend ist, das Thema systematisch in bestehende Strukturen zu integrieren.

Konkret können Unternehmen:

  • bestehende Angebote prüfen: Wo gibt es bereits Anknüpfungspunkte in BGM, HR, Arbeitsschutz, Führungskräfteentwicklung oder Arbeitsmedizin?

  • Verantwortlichkeiten klären: Wer treibt das Thema intern voran und hält Führung, Gremien und relevante Stakeholder im Austausch?

  • Führungskräfte sensibilisieren: Damit Beschwerden ernst genommen werden und ein sicherer, wertschätzender Umgang entsteht.

  • Information leicht zugänglich machen: etwa über Intranet, Vorträge, Gesundheitstage oder interne Kommunikationsformate.

  • Betroffene und weitere Beschäftigte einbeziehen: Angebote sollten nicht isolieren, sondern Wechseljahre als selbstverständliches Gesundheitsthema behandeln.

  • klein starten und auswerten: Resonanz messen, Formate anpassen und erfolgreiche Maßnahmen gezielt verstetigen.

  • Netzwerke und externe Expertise nutzen: etwa Krankenkassen, Fachberatungen oder bestehende Unternehmensnetzwerke.

Zu den nächsten Schritten im Bezirksamt Berlin gehören deshalb weitere Befragungen, die Vertiefung besonders nachgefragter Themen, die Ansprache zusätzlicher Stakeholder und der weitere Austausch mit Netzwerken.

 

Frauengesundheit ist auch Fachkräftesicherung

Die Coffee Break zeigte vor allem eines: Wechseljahre sind kein Nischenthema und keine reine Privatangelegenheit. Sie betreffen einen erheblichen Teil der weiblichen Beschäftigten in einer beruflich besonders erfahrenen Lebensphase.

Wenn Organisationen Wissen vermitteln, Führungskräfte sensibilisieren und passende Rahmenbedingungen schaffen, stärken sie deshalb nicht nur Gesundheit und Arbeitsfähigkeit. Sie tragen auch dazu bei, Erfahrung, Kompetenz und Fachkräfte im Unternehmen zu halten.

Oder anders gesagt: Eine lebensphasenorientierte Arbeitswelt nimmt nicht nur wahr, dass Menschen älter werden. Sie berücksichtigt auch, was sie in den unterschiedlichen Phasen ihres Arbeitslebens brauchen, um gut arbeiten zu können.

 

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